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Nr.1 Die Vorstellung des Chaos  |  Nr.2 Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde  |  Nr.3 Nun schwanden vor dem heiligen Strahle
sujet Tag 1
TEIL I
1. Bild / 1. Tag

Nr. 1
EINLEITUNG: DIE VORSTELLUNG DES CHAOS
2 Fl, 2 Ob, 2 Klt, 2 Fg, 2 Hrn, 2 Tr, Pk, 2 Pos, Str (con sordini) – c-Moll
Largo 2/2__

Der erste Auftritt oder das erste Bild entspricht dem ersten Schöpfungstag, an dem Gott den Himmel und die Erde, danach das Licht erschafft. Das in der Einleitung geschilderte Chaos ist, biblisch gesehen, das Tohuwabohu (Wüste und Öde) in der Nacht zu Beginn des ersten Schöpfungstags, vor der Erschaffung des Tageslichts: die leere, formlose, finstere, mit Wasser bedeckte Erde, die von dem wassergefüllten Himmel noch nicht getrennt ist. Über diesem Chaos schwebt der Geist Gottes. Das Chaos verschwindet, sobald Gott das Licht erschafft und es von der Finsternis scheidet. Da Sonne, Mond und Sterne erst am vierten Tag erschaffen werden, ist es das Licht an sich.
Den Halbvers Gen. I. 5a: »Und nennet das Licht, Tag, und die Finsternis, Nacht« lässt der Textdichter fort, wohl nicht ohne Absicht, denn in Nr. 2 deutet er die Worte Gen. I. 5b: »Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag« als ein Zurückweichen des »Dunkels« und seiner »gräulichen Schatten« vor dem »heiligen Strahle«. Danach erst behandelt er den im Alten und Neuen Testament an verschiedenen Stellen (Jesaia, XIV. 12; Lukas, X. 18; Offenbarung, XII. 7; 2. Petrus, II. 4) berichteten Sturz der abgefallenen Engel und ihres Anführers Luzifer oder Satan durch Gott oder den Erzengel Michael, während Milton ihn vor der Erschaffung von Himmel, Erde und Licht stattfinden lässt. Da der Textdichter außerdem anstelle von Luzifer oder Satan namenlose »Höllengeister« nennt und auch Michael nicht erwähnt, konnten aufgeklärte Zeitgenossen die geschilderten Ereignisse als Symbol des Sieges der Vernunft über den dunklen Aberglauben verstehen.
Es bleibe dahingestellt, ob sich in der Verehrung des Lichts und der Gegenüberstellung von Chaos und Ordnung, die an die freimaurerische Devise Ordo ab Chao (Ordnung aus dem Chaos) erinnert, freimaurerischer Geist offenbart, wie ihn nicht wenige Kommentatoren in der Schöpfung zu spüren meinen. Von freimaurerischem Geheimkult wie in der Zauberflöte ist in der Schöpfung jedoch keine Rede.
Für das allgemeine Publikum war und ist das Fehlen diverser Namen unwichtig und nimmt dem Bilde nichts von seiner über alle Einzeldeutungen hinausgehenden symbolischen Kraft.
Zu Haydns Chaos gibt es in seinem Schaffen kaum Vorläufer, allenfalls Ansätze: die Largo-Einleitung der Tobia-Ouvertüre in c-Moll, mit einem einzelnen Unisono zu Anfang, einem verminderten Septakkord H/f/d’/as’ in T. 2 wie im Chaos, T. 3, und dem an einigen Stellen sich andeutenden Motiv der fallenden kleinen Sekunde (s. Seite 34, Motiv a); ferner die langsamen Einleitungen seiner Londoner Sinfonien mit ihren suchenden Modulationen; und im Streichquartett op. 76 Nr. 6 die tonal instabile Fantasia. Vorläufer gab es jedoch in der französischen Musik. In der Ouvertüre (»Simphonie«) zu dem Ballett Les Elémens (1737) schildert Jean Féry Rebel das Chaos, indem er die Vergils sechster Ekloge und dem Anfang von Ovids Metamorphosen entlehnte Idee einer Konfusion der vier Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft) mit der Idee einer Konfusion der Harmonie verbindet und die Finaltonart bis zur allmählichen Entwirrung der Elemente unentschieden lässt. Das Stück beginnt wie bei Haydn mit einem lauten, lang ausgehaltenen, aber ungewöhnlich dissonanten Akkord, der alle Töne der d-Moll-Tonleiter gleichzeitig erklingen lässt und nach dem Verklingen im Tremolo oft wiederholt wird. Die Elemente sind durch genau bezeichnete Instrumente und musikalische Figuren dargestellt. Am Schluss löst sich die Konfusion in reinem D-Dur auf.

Eigene Deutungen erfuhr der mit Oktaven vervielfachte, lang anhaltende Unisono-Schlag des Anfangs mit seinem langsam verhallenden Paukenwirbel: Er soll die »Regungslosigkeit der Massen«, den unbegrenzten leeren Raum, den »Urbeginn aller Zeiten«, den »Urknall« (»Big Bang«) oder vielleicht eher das schlagartige Entstehen der Materie aus dem Nichts gemäß den Worten »Im Anfange schuf Gott …« symbolisieren. Das Motiv a, (a) (b) (c) (d) »der klagende Ruf«, ist »das eigentliche Motiv des Chaos«; es erzeugt »die düstere Grundstimmung«, symbolisiert die »unendliche Traurigkeit« des Chaos. Ihm steht das Motiv c (T. 22) gegenüber, »das geheimnisvoll anstrebend zum Leben drängt«, »den ordnenden Willen des Schöpfers« zum Ausdruck bringt, oder man sieht im Motiv d (T. 28) das »eigentliche Erschaffungsmotiv«.
Das Motiv b der ersten Violine in T. 3–4 wies in der Skizze W-1 als letzte Note ein konventionelles f’’ statt d’’ auf; in seiner Endgestalt drückt es das Gefühl »ratloser Vereinsamung« aus; die Triolen des Fagotts und der Streicher in T. 6–13 hört man als »gleichsam aus dem Schlamm hervorgurgelnd« (es »brodelt Nebel nach oben«); in dem aufsteigenden Es-Dur-Dreiklang der f hervortretenden Hörner in T. 11–12 spürt man den »Geist Gottes«, der beim Einsetzen des Chores (T. 76/77) mit dem gleichen aufsteigenden Es-Dur-Dreiklang symbolisiert wird; bei dem »feierlichen Eintritt des Des-Dur-Dreiklangs (Takt 21) könnte man an die
tiefinnerst im Chaos schlummernden edlen Urkräfte denken«. Anfangs waren manche Hörer mit dieser Musik überfordert. Ein anonymer Berliner Kritiker hörte 1800 »eine Mahlerei des Streits der Elemente und des Chaos vor der Schöpfung. Hier zischt und schreiet alles durcheinander.« Damit meinte er die wechselnde Dynamik: starke Akzente, Diminuendo, Crescendo, pp, ff, ein ständiges Fluktuieren bis zu dem pp verhauchenden Schluss, alles mit gedämpfter Tongebung (con sordino) in den Streichern.
Bei den ersten Wiener Aufführungen spielten – den frühen Partitur- und Stimmenabschriften zufolge – auch die Trompeten, Pauken und Hörner con sordino. Die con sordino-Vorschrift bei diesen Instrumenten ist in der Stichvorlage am Anfang durchgestrichen und erscheint in der Originalausgabe nicht mehr, vielleicht weil Haydn den Eindruck einer Trauermusik vermeiden wollte (sie wurde mit gedämpften Trompeten und Pauken
gespielt) oder weil er bei fremden Orchestern Bedenken wegen einer guten Wiedergabe hatte.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter

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