1.TAG Das Licht – Tag und Nacht, Himmel und Erde | 2.TAG | 3.TAG | 4.TAG | 5.TAG | 6.TAG | 7.TAG
Nr.1 Die Vorstellung des Chaos  |  Nr.2 Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde  |  Nr.3 Nun schwanden vor dem heiligen Strahle
sujet Tag 1
Nr. 2
RAPHAEL (BASS): REZITATIV MIT BEGLEITUNG

Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde; und die Erde war ohne Form
und leer; und Finsterniß war auf der Fläche der Tiefe.

CHOR DER ENGEL
Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche der Wasser; und Gott sprach:
Es werde Licht, und es ward Licht.

URIEL (TENOR): REZITATIV MIT BEGLEITUNG
Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsterniß.

Nr. 2
RAPHAEL (BASS): REZITATIV MIT BEGLEITUNG
Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde

Besetzung:
B; Kl, Str (con sordini)

Von der Empfehlung Swietens in seinem Textmanuskript: »Die mahlerischen Züge der Ouverture könnten diesem Rezitativ zur Begleitung dienen«, hat Haydn nur sparsamen Gebrauch gemacht, weil nach einer instrumental so reichen Einleitung das Bibelwort absoluten Vorrang haben musste. Das Wort »Gott« wird mit einer ganzen Note in hoher Lage hervorgehoben und in tiefer Lage der Streicher mit einem Ehrfurcht gebietenden verminderten Septakkord H/as/d’/f’ begleitet, der im Chaos in T. 3 als h/d’/as’/f’’ erklungen war. Das erste Zwischenspiel deutet mit dem leisen Unisono seines absteigenden c-Moll-Dreiklangs und seinen Tonrepetitionen die Formlosigkeit und Leere an, die in den nachfolgenden Worten ausgesprochen wird, und das zweite Mal in es-Moll mit einem schleichenden Unisono, in welchem das Seitensatzmotiv aus dem Chaos nachklingt, und mit seinem verminderten Septakkord ohne Terz die Finsternis.


CHOR DER ENGEL
Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche der Wasser

Besetzung:
B, Chor, volles Orchester: 2 Fl, 2 Ob, 2 Kl, 2 Fg, Kfg, 2 Hrn, 2 Tr, Pk,
3 Pos, Str

Der Musikschriftsteller Cuthbert Hadden (1902/34), meinte von dem sotto voce singenden Chor
anerkennend, dass auf dem ganzen Gebiet des Oratoriums nichts eine schönere Wirkung hervorbringe als die sanften Stimmen zu den Worten »Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche der Wasser«. Der Abschnitt beginnt mit dem zur Dominante aufsteigenden, schon im Chaos gehörten Es-Dur-Dreiklang, der den »Geist Gottes« symbolisiert. Die Streicher, nach wie vor con sordino, spielen langsam tremolierende, sich nach c-Moll zurückwendende pp-Akkorde, die die »Fläche der Wasser« bedeuten könnten, jedenfalls eine geheimnis- und erwartungsvolle Stimmung aufrecht erhalten, gemäß Swietens Empfehlung: »In dem Chore könnte die Finsterniß nach und nach schwinden; doch so dass von dem Dunklen genug übrig bleibe um den augenblicklichen Übergang zum Lichte recht stark empfinden zu machen. Es werde Licht etc. darf nur einmahl gesagt werden.« Swieten stellte sich also bereits mehr vor als eine schlichte Rezitation. Andererseits wollte er kein selbständiges musikalisches Stück. Haydn lässt das Bibelwort »Es werde Licht, und es ward Licht«, das seit der aus dem 1. Jahrhundert stammenden Schrift vom Erhabenen des Pseudo-Longin als eminentes Beispiel für den Ausdruck von Erhabenheit galt, vom Chor – dessen Bassstimme Raphael mitsingt – fast rezitativisch vortragen, bis auf dem letzten Wort das Licht, »erschreckend und erwärmend zugleich«, »wie aus dem Nichts geboren, in klarer Helle erstrahlt«. Der Kontrast ist in der Tat außerordentlich. Die Begleitung des vorangehenden Chorabschnitts im pp wird bei dem Dominantseptakkord vor der nahenden Tonika C-Dur auf das klangliche Minimum eines Pizzicato-Akkords der gedämpften Streicher reduziert, während bei dem anschließenden ff des vollen Orchesters mit Bassposaune und Kontrafagott alle Dämpfer wegfallen.


URIEL (TENOR): REZITATIV MIT BEGLEITUNG
Und Gott sah das Licht

Besetzung:
T; Str
Dass nach Erschaffung des Lichts der Tenor statt des Basses die Erzählung übernimmt, passt zu dem helleren Klang der Stimme und zu seinem Namen: Uriel bedeutet »Gott ist mein Licht«. Obwohl Swieten eine Begleitung nicht vorgesehen hatte, schrieb Haydn, um dieses Rezitativ in den musikalischen Komplex von Nr. 2 einzubeziehen, eine Streicherbegleitung. Sie besteht in Akkorden, die die Tonart C-Dur durch eine vollkommene Kadenz bestätigen: C-Dur, F-Dur, G-Dur, C-Dur. Die Fermate auf der abschließenden Pause soll verhindern, dass das zu C querständige Cis der A-Dur-Harmonie von Nr. 3 zu plötzlich erklingt, was nicht immer beachtet wird.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter

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