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Nr.6 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser  |  Nr.7 Rollend in schäumenden Wellen  |  Nr.8 Und Gott sprach: Es bringe die Erde Gras hervor
Nr.9 Nun beut die Flur das frische Grün  |  Nr.10 Und die himmlischen Heerscharen  |  Nr.11 Stimmt an die Saiten
sujet Tag 3
Nr. 7
RAPHAEL (BASS): ARIE
Rollend in schäumenden Wellen
Bewegt sich ungestüm das Meer.
Hügel und Felsen erscheinen;
Der Berge Gipfel steigt empor.
Die Fläche, weit gedehnt, durchläuft
Der breite Strohm in mancher Krümme.
Leise rauschend gleitet fort
Im stillen Thal der helle Bach.

Nr. 7
RAPHAEL (BASS): ARIE
Rollend in schäumenden Wellen

Besetzung:
B; (2) Fl, 2 Ob, 2 Fg, Kfg, 2 Hrn, (Pos 3), Str – d-Moll/D-Dur
Allegro assai

Bei seiner Überfahrt von Calais nach Dover am 1. I. 1791 sah Haydn zum ersten Mal »das ungeheure Thier, das Meer« und, »da der immer stärkere Wind ausbrach [...] die heranschlagende[n] ungestüme[n] Wellen« (Brief vom 8. I. 1791). In den zwölf Takten des Vorspiels der ersten Bassarie in der Schöpfung hat er dieses Erlebnis eindrucksvoll verarbeitet. Die Violinen nehmen das Gesangsthema vorweg und spielen es »ungestüm« in größeren Sprüngen und schärferen Rhythmen, die zweiten Violinen, stellenweise auch die Bratschen und Violoncelli, begleiten sie mit »rollend« kreisenden Sechzehntelläufen, und die Bläser markieren alle zwei Takte (T. 2–9) den Höhepunkt der Welle, die sich dann in kleineren Rhythmen bricht (T. 10
bis 12); ein vorangestellter Takt (T. 1) lässt die Bewegung in einem Wellental anfangen, mit drängenden Synkopen. Die Tonart ist d-Moll wie in früheren Arien Haydns, in denen er gleichnishaft einen Meeressturm geschildert hatte, etwa »Quanti il mar tesori aduna« (Wieviel Schätze das Meer auch vereinigt) aus einer Kantate von 1763 (Hob. XXIVa:2d) oder »Varca il mar« (Es überquert das Meer) aus der Oper Le pescatrici von 1769. Aber dank des unkonventionellen Textes bleibt Raphaels Arie nicht bei dem Einheitsaffekt stehen, wie er für die älteren Arien typisch war, sondern umfasst drei weitere Stimmungen.

Dieser vierteiligen Darstellung hat Haydn musikalisch eine Zweiteiligkeit übergeordnet, indem er die vierte Schilderung, die des Bachs, abgewandelt wiederholt und mit einer Coda versieht, um ein Gleichgewicht zu dem vorangegangenen, dreigestuften Teil (Meer, Berge, Strom) zu schaffen. Die dadurch betonte d-Moll/D-Dur-Polarität erinnert an Haydns 1784 nachkomponierten Tobia-Chor »Svanisce in un momento« und an seinen englischen Sturmchor »Hark! The wild uproar of the winds« von 1792 (deutsch Der Sturm, 1793). Beide beruhen auf dem wiederholten Kontrast eines stürmischen Teils in Moll und eines idyllischen in Dur, zeigen aber noch nicht die »dynamische Formentwicklung« (Anke Riedel-Martiny) der Arie Raphaels mit ihrem stufenweisen Wechsel von starker Erregung über allmähliche Beruhigung bis zu stillem Glücksgefühl.
1797 spielte und sang Haydn diese Arie seinem Besucher Silverstolpe am Klavier vor: »›Sehen Sie,‹ sagte er in einem scherzhaften Ton, ›sehen Sie, wie die Noten wie die Wellen herauf- und herablaufen; sehen Sie auch
da die Berge, die aus der Meerestiefe emporsteigen? Man muß sich bisweilen vergnügen, nachdem man lange ernsthaft gewesen ist.‹« Für uns erscheint die Orchestrierung des in d-Moll wogenden Meeres ernst, ja bedrohlich. Ebenso vergnügte den Komponisten die Rhetorik des F-Dur-Abschnitts bei den Worten »der Berge Gipfel«, wo er den Bass in T. 43 in Übereinstimmung mit dem musikalischen Formprozess zu seinem Spitzenton f’ hinaufführt. Für uns ist diese Stelle von erhabener Wirkung. Nach einem übermütigen Zwischenspiel des Orchesters (T. 45–49), bei dem wir Haydns Vergnügen schon eher nachempfinden können, schildert der dritte Abschnitt mit einem andachtsvollen, dreistimmig-kontrapunktischen Legato-Satz der Oboen und Fagotte die »Fläche, weit gedehnt«. Bei den Worten »durchläuft der breite Strom in mancher Krümme« beginnen die ersten und zweiten Violinen mit den Bläsern zu konzertieren und einander kurze Motive zuzuwerfen, die dem Kräuseln der Wellen nachgebildet sind. Die »Krümme« spüren wir in der gleichzeitigen Modulation, die von F-Dur über g-Moll, B-Dur, c-Moll, d-Moll zum Halbschluss A-Dur zurückführt.
Romantische Hörner- klänge führen uns in das Tal. In den ersten Violinen bringen die Triolenfiguren in Achtelnoten gegenüber den Sechzehntelnoten des vorangegangenen Teils Beruhigung und veranschaulichen mit dem Pizzicato des Streichbasses und den gebundenen Tönen der Mittelstimmen das sanfte Murmeln des Baches, das in T. 89–92 und 109–112 innehält, um die Stille hörbar zu machen. Beide Male entsteht eine andächtige Stimmung durch das Rezitieren auf einem Ton, pp begleitet von den tiefsten Horntönen und von langsam schreitenden Streicherakkorden. Beim zweiten Mal ist die Verzierung der Bassstimme auf dem Wort »Tal« durch die fast unbegleitete, auf- und absteigende Zerlegung des Subdominant-Dreiklangs von
unbeschreiblicher Wirkung.
Nachdem der Dur-Teil der Arie komponiert war, nahm Swieten Verbesserungen am Text vor und veranlasste dadurch den Komponisten zu Änderungen dieser Melodie. Den Weg bis zu der überzeugend schönen und einfachen Vordersatzgestalt, die wir kennen (der Nachsatz blieb unverändert), dokumentieren die frühen Abschriften und Textfassungen mit ihren Korrekturen und Varianten. Sie zeigen im ersten Vers ursprünglich jambischen Rhythmus: »Sanft rauschend fließt und windet sich«, wobei das wichtige Wort »sanft« unbetont blieb – ein Missgriff, den Haydn von vornherein verbesserte, indem er »sanft« entgegen dem Versrhythmus nicht
auftaktig und als kurze Note vertonte, sondern volltaktig und als ganze Note. Dann ersetzte der Dichter – vielleicht auf Haydns Anregung – die Worte »fließt und windet sich« (im stillen Tal) mit ihren
vielen i-Lauten durch die sanglicheren Worte »bahnet seinen Weg«. Anschließend verwandelte er, Haydns Betonung des ersten Wortes folgend, die Jamben in Trochäen und fand die weniger energischen, für die idyllische Stimmung passenderen Worte: »Leise rauschend gleitet fort«. Das veranlasste Haydn, die erste, ganze Note aufzuteilen und dann die in vier Noten sich drehende Figur, die zu den Worten »windet sich im« komponiert war, zu vereinfachen und durch zwei Noten gleicher Höhe zu ersetzen. Die Melodie entsprach nun mit ihrem gleichmäßigen Rhythmus vollkommen dem neuen Vers.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter

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