1.TAG | 2.TAG | 3.TAG Land und Meer, die Pflanzen | 4.TAG | 5.TAG | 6.TAG | 7.TAG
Nr.6 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser  |  Nr.7 Rollend in schäumenden Wellen  |  Nr.8 Und Gott sprach: Es bringe die Erde Gras hervor
Nr.9 Nun beut die Flur das frische Grün  |  Nr.10 Und die himmlischen Heerscharen  |  Nr.11 Stimmt an die Saiten
sujet Tag 3
Nr. 9
GABRIEL (SOPRAN): ARIE
Nun beut die Flur das frische Grün
Dem Auge zur Ergetzung dar;
Den anmuthsvollen Blick erhöh’t
Der Blumen sanfter Schmuck.
Hier düften Kräuter Balsam aus;
Hier sproßt den Wunden Heil.
Die Zweige krümmt der gold’nen Früchte Last;
Hier wölbt der Hain zum kühlen Schirme sich;
Den steilen Berg bekrönt ein dichter Wald.

Nr. 9
GABRIEL (SOPRAN): ARIE
Nun beut die Flur das frische Grün

Besetzung:
S; 2 Fl, (2) Klt, 2 Fg, 2 Hrn, Str – B-Dur
Andante 6/8

Die erste eigentliche Sopranarie in der Schöpfung, eine der bekanntesten und zeitweise »abgesungensten« der Oratorienliteratur, macht mit ihrem Siziliano-Rhythmus, ihren koloraturartigen Melismen und ihren ausgehaltenen Tönen von traditionellen Mitteln des Belcanto Gebrauch. Obgleich im Textbuch kein Da-Capo vorgeschrieben ist, betrachtet Haydn die drei letzten, fünfhebigen Verse (Blankverse) als Mittelteil einer Da-Capo-Arie und wiederholt sodann die ersten sechs Verse mit ihren vier- und dreihebigen Jamben, so dass die traditionelle Form A-B-A’ entsteht. Das erlaubt ihm, der Arie eine größere Dimension zu geben, ihre Stimmung breit zu entfalten und so in dem dynamischen ersten Teil des Oratoriums einen Ruhepunkt zu schaffen. Aber Haydn beugt dem Eindruck des Schematischen vor. So vermeidet er weitgehend die in seinen früheren Vokalwerken häufige Verdopplung der ersten Violinen durch Bläserstimmen: Die Streicher geben in dem kurzen Vorspiel nur das rhythmische Gerüst, während die Melodie in der Soloklarinette und dem Solofagott liegt. Konzertierende Einwürfe des Solofagotts (T. 9), der Soloklarinette (T. 11–13) und der hohen B-Hörner (T. 16–19) sowie kontrapunktische Nachahmungen in den ersten Violinen (T. 25–28) lockern die Begleitung zusätzlich auf. Der B-Teil beginnt nicht nach einer konventionellen Zäsur, sondern mit einem nahtlosen Übergang, der von F-Dur nach b-Moll führt. Erst vor einer Wendung von Des- nach As-Dur erscheint kunstvoll verspätet eine kleine Zäsur (T. 42). A’ bringt feine Abweichungen gegenüber A, vor allem durch Ausdehnung der kontrapunktischen Nachahmungen im Orchester und durch den verminderten Septakkord auf »Wunden« in der letzen Kadenz (T. 86). Der Vers »Hier sproßt den Wunden Heil« wird durch seine zweimalige Schlussstellung in A und A’ mit jeweils mehrfacher Wiederholung zur wichtigsten Aussage.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter


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