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sujet Tag 4
Nr. 13
URIEL (TENOR): REZITATIV MIT BEGLEITUNG
In vollem Glanze steiget jetzt
Die Sonne strahlend auf;
Ein wonnevoller Bräutigam,
Ein Riese stolz und froh
Zu rennen seine Bahn.
Nach dem Zeitmasse. (â tempo):
Mit leisem Gang und sanftem Schimmer schleicht
Der Mond die stille Nacht hindurch.
Nach Willkühr. (ad libitum):
Den ausgedehnten Himmelsraum
Ziert ohne Zahl der hellen Sterne Gold.
Und die Söhne Gottes verkündigten den vierten Tag mit himmlischem
Gesang, seine Macht ausrufend also:

Nr. 13
URIEL (TENOR): REZITATIV MIT BEGLEITUNG
In vollem Glanze

Besetzung:
T; 2 Fl, 2 Ob, 2 Fg, Kfg, 2 Hrn, 2 Tr, (Pos 3), Pk, Str
Andante ab T. 26: Più Adagio ab T. 36: Allegro

Der anonyme Kritiker aus Wien schreibt 1801 über dieses Rezitativ: »Die Sonne steigt in immer wachsenden Accorden vor Dir empor, sanfte leise halbunterdrückte Töne zaubern Dich in eine stille Mondnacht«. Mit dem
Bravourstück, den Sonnenaufgang und unmittelbar danach den Wandel des Mondes darzustellen, ist eine Szene in Händels biblischem Oratorium Josua (»Oh! thou bright orb«, vor dem Schlußchor des zweiten Teils) vergleichbar.
In der Schöpfung knüpft Haydn mit den aufsteigenden Ketten von Sekundvorhalten, die sich in Terzen auflösen, und mit dem Anwachsen der Instrumentierung an den Anfang seiner D-Dur-Sinfonie Le matin (Der Morgen) vom Jahre 1761 an. Im Gegensatz zu dem subito-ff-Effekt bei der Erschaffung des Lichts in Nr. 1 gibt es beim Sonnenaufgang in Nr. 13 ein Crescendo, das zum ff führt. Beim Erreichen des »vollen Glanzes« hören die Vorhalte auf, und in reinem D-Dur, das sich zum Halbschluß A-Dur öffnet, erklingt nun erst ein feierlicher Marschrhythmus. Während der Sonnenaufgang in der Tonika D-Dur steht, rein instrumental mit stark besetztem Orchester dargestellt wird und die erklärenden Worte hinterher rezitiert werden, beschwört Haydn das milde Licht des Mondes mit entsprechend reduzierten Mitteln, aber ebenso anschaulich. Er lässt in der Subdominante G-Dur in zweieinhalb Takten die Streicherbässe pp, »senza Cembalo« und in langsamem Tempo aus der Tiefe heraufsteigen und diesem Aufstieg neun Takte eines mezza voce gesungenen, von den Streichern in mittlerer Klanglage begleiteten Ariosos folgen, das bei dem Wort »stille« für einen halben Takt auf die Instrumente ganz verzichtet. Die musikalische Einheit des Doppelbildes gewährleistet der Cantus firmus der aufsteigenden Tonleiter: Beim Sonnenaufgang liegt er in der Ober-, beim Wandel des Mondes in der Unterstimme; beide Male wird er von den anderen Stimmen weihevoll kontrapunktiert. Genug ist genug: Das Flimmern der Sterne deutet Haydn in einem nach D-Dur zurückkehrenden Rezitativ nur kurz durch ein hohes Streicher-Tremolo p an. Die erste Skizze zeigt den Anfang des Chors und einen späteren Abschnitt in D-Dur, der Tonart des Chores Nr. 11 (der zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht komponiert war) und der Tonart dieses Rezitativs, das ursprünglich wohl noch nicht mit großen Schritten von D-Dur nach C-Dur modulierte. Haydn steigert das Vorwärtsdrängen, indem er den Chor die Kadenz des Rezitativs nicht abwarten, sondern »Attacca«, wie er in der Berliner Partiturabschrift mit Rotstift notiert, anstelle der Kadenz einsetzen lässt. Trotzdem muss die spannende Viertelpause vor diesem Einsatz beachtet werden.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter


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