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Nr.15 Und Gott sprach: Es bringe das Wasser  |  Nr.16 Auf starkem Fittiche schwinget sich der Adler  |  Nr.17 Und Gott schuf große Walfische
Nr.18 Und die Engel rührten ihr' unsterblichen Harfen  |  Nr.19 In holder Anmut stehn  |  Nr.20 Der Herr ist groß in seiner Macht
sujet Tag 5
Nr. 16
GABRIEL (SOPRAN): ARIE
Auf starkem Fittige schwinget sich
Der Adler stolz, und theilet die Luft
Im schnellesten Fluge zur Sonne hin.
Den Morgen grüßt der Lerche frohes Lied,
Und Liebe girrt das zarte Taubenpaar.
Aus jedem Busch und Hain erschallt
Der Nachtigallen süsse Kehle.
Noch drückte Gram nicht ihre Brust,
Noch war zur Klage nicht gestimmt
Ihr reitzender Gesang.

Nr. 16
GABRIEL (SOPRAN): ARIE
Auf starkem Fittiche schwinget sich der Adler

Besetzung:
S; 2 Fl, 2 Klt, 2 Fg, 2 Hrn, Str – F-Dur
Moderato


Das lange, mit einer Darstellung des sich aufschwingenden Adlers beginnende Eingangsritornell kündigt eine Bravourarie an, die allerdings anders als eine solche alten Stils keine dreiteilige (A + B + A’), sondern eine zweiteilige Form hat (A + B). Das Ritornell wendet sich ebenfalls von dem alten Typus ab; zwar klingt es zwischen dem ersten (T. 35–80) und dem zweiten, stark variierten Vortrag von A (T. 82–115) kurz an (T. 80f.) und bildet verkürzt auch das Nachspiel der ganzen Arie (T. 199–207), verbindet sich dabei aber mit einem Motiv aus dem Abschnitt B (T. 126–199) und dessen eigenem Vorspiel (T. 119–126). Das Ritornell im eigentlichen Sinne, die mechanische Wiederholung, war um 1800 veraltet und kommt in der Schöpfung nicht mehr vor. Auch der Typus der Bravourarie ist abgewandelt; er fand im ersten Entwurf, der anfangs im 3/4-Takt statt im endgültigen __2/2-Takt stand, eine deutlichere Ausprägung, nämlich bei der Schilderung des Adlers mit konventionellen Koloraturen in Sechzehntelnoten auf der Textstelle »schnelle« und einem hohen c’’’ auf dem Wort »Sonne«. Der höchste Ton im weiteren Verlauf ist b’’, und nur bei den Worten »zarte« und »reitzender« kommen maßvolle Koloraturen vor (meist in Achtel- statt Sechzehntelnoten oder in Achteltriolen), außerdem bei »girrt« kurze Triller. Auf das heute oft verkannte Kunstmittel der Messa di voce, des lang gehaltenen, anschwellenden Tons der Singstimme, wollte Haydn jedoch nicht ganz verzichten, trotz Swietens Hinweis. Der drey lezten Verse wegen können nur die freudig zwitschernden, nicht die lang gezogenen Töne der Nachtigall hier nachgeahmt werden.« (Vor dem Sündenfall konnte die Nachtigall noch nicht klagen. Mit dem Hinweis darauf, dass sie das mit der Tonart g-Moll der Takte 168–172 dennoch tue, entschuldigte der ebenso wie Swieten denkende Thomas Eaton um 1849 die zu seiner Zeit übliche Kürzung dieser Arie, der längsten in der Schöpfung, um 35 Takte.) Haydn bringt die »lang gezogenen Töne« allerdings nicht auf dem Wort »Klage«, sondern auf dem Wort »reitzender«, das in der ersten Silbe ebenfalls den a-Laut enthält. Ihn benutzt Haydn auch für die anschließende Koloratur, in die der Halteton sich auflöst. Die Instrumentalsoli unterstreichen mehr den konzertanten als den bravourösen Charakter dieser Arie: Die Klarinette spielt »der Lerche frohes Lied«, ohne Lautnachahmung; die beiden Fagotte stellen zusammen mit den auf der G-Saite spielenden Violinen, schon eher klangmalend, das Liebe girrende Taubenpaar dar und die Flöte symbolisiert »der Nachtigallen süsse Kehle« und ihren »reitzenden Gesang«.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter

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