1.TAG | 2.TAG | 3.TAG | 4.TAG | 5.TAG Die Vögel des Himmels, die Lebewesen des Meeres | 6.TAG | 7.TAG
Nr.15 Und Gott sprach: Es bringe das Wasser  |  Nr.16 Auf starkem Fittiche schwinget sich der Adler  |  Nr.17 Und Gott schuf große Walfische
Nr.18 Und die Engel rührten ihr' unsterblichen Harfen  |  Nr.19 In holder Anmut stehn  |  Nr.20 Der Herr ist groß in seiner Macht
sujet Tag 5
Nr. 19
TERZETT
GABRIEL (SOPRAN):
In holder Anmuth steh’n,
Mit jungem Grün geschmückt,
Die wogichten Hügel da.
Aus ihren Adern quillt,
In fliessendem Kristall,
Der kühlende Bach hervor.
URIEL (TENOR):
In frohen Kreisen schwebt,
Sich wiegend in der Luft,
Der munteren Vögel Schaar.
Den bunten Federglanz
Erhöh’t im Wechselflug
Das goldene Sonnenlicht.
RAPHAEL (BASS):
Das helle Naß durchblitzt
Der Fisch, und windet sich
In stätem Gewühl’ umher.
Vom tiefsten Meeresgrund
Wälzt sich Leviathan
Auf schäumender Well’ empor.
ALLE DREY:
Wie viel sind deiner Werk’, o Gott!
Wer fasset ihre Zahl?

Nr. 19
TERZETT
GABRIEL (SOPRAN):
In holder Anmuth steh’n

Besetzung:
S, T, B; 2 Fl, 2 Ob, 2 Fg, 2 Hrn, Str – A-Dur.
Moderato 2/4

Der in dem Rezitativ Nr. 18 angekündigte Gesang der Engel ist zweiteilig. Er besteht aus dem Terzett Nr. 19 und dem Chor mit Terzett Nr. 20. Swieten empfahl: »Zu diesen Strophen dürfte wohl eine ganz einfache und syllabische Melodie sich am besten schicken, damit man die Worte deutlich vernehmen könne; doch mag die Begleitung den Lauf des Bachs, den Flug der Vögel und die schnelle Bewegung der Fische mahlen.« Dagegen hat Haydn die zu Anfang dem Sopran übertragene Melodie weder streng syllabisch noch einfach gestaltet. Sie moduliert vielmehr zur Dominanttonart und erstreckt sich über zwei Textstrophen, deren zweite, um eine Verlängerung der Melodie zu ermöglichen, sogar noch wiederholt wird. In der zweiten Skizze wird der Spitzenton fis’’ nicht schon im dritten Takt, sondern als Steigerung erst im fünften und siebten Takt erreicht; aus zehn Takten der ersten Skizze mit dreifachem Vortrag der »wogichten Hügel« sind acht Takte mit zweifachem Vortrag geworden; und die Melismatik wogt nun erst richtig. In der Endfassung ist auch der erste Takt geändert worden, wobei ein verschiedentlich bemerkter Anklang an »Là ci darem la mano« aus Mozarts Don Giovanni entstand. Die Melodie für den Tenor ist samt ihrer Streicherbegleitung derjenigen für den Sopran gleich. Nur das von den Blasinstrumenten zugefügte Kolorit wandelt sich: Im letzten Abschnitt von Gabriels Vortrag verbreitet das Fagott idyllische Stimmung; wenn Uriel die Melodie aufgreift, deutet die Flöte »der munteren Vögel Schaar« mit ihrem Gezwitscher an, und zum Schluss der Melodie verstärken Oboe und Fagott das Vogelkonzert. Der Bass wartet das Ende von Uriels Vortrag nicht ab, sondern fällt ihm mit seiner abweichenden Melodie ins Wort. Man fühlt sich ein wenig an Osmin erinnert, der im Schluss-Vaudeville von Mozarts Entführung aus dem Serail wütend die Bahn der übrigen Sänger verlässt; ähnlich spricht auch hier aus Raphael ein kräftigeres Temperament, wenn er von dem Gewühl der Fische singt, das Haydn durch die Figuration der Geigen, durch das geschmeidige Gleiten der Unterstimmen und durch eine lebhaftere Modulation wiedergibt, bis schließlich die Kontrabässe mit den Violoncelli und Bratschen in eine rollende und springende Bewegung geraten, um das packende Bild des vom tiefstem Meeresgrund sich auf schäumender Welle emporwälzenden, mit seinem Schwanz das Wasser peitschenden Leviathan, des Walfischs, zu malen. Der Wiener Anonymus vom Januar 1801 meinte, statt der Bassfiguren Paukenwirbel wahrzunehmen: »Der Läviathan erhebt sich aus der Fluth, und der Pauckenwirbel lässt Dich in unbegreiflicher Täuschung das Überwälzen der rauschenden Wogen hören.« Die Täuschung des musikalischen Laien ist verständlich, da die Kontrabässe bei den Aufführungen unter Haydns Leitung stärker als heute besetzt waren. William Gardiner in Leicester, der nicht nur Musikschriftsteller, sondern auch Textilfabrikant war, schickte Haydn am 10. VIII. 1804 durch Haydns Londoner Impresario Johann Peter Salomon sechs Paar Baumwollstrümpfe, in die jeweils ein prominentes Haydn-Thema eingewebt war; aus der Schöpfung hatte er das Basssolo vom Leviathan gewählt. Leider ist nicht bekannt, ob Haydn die Sendung erhalten hat.
Das Terzett endet nach einem motettenhaft imitatorischen, kanonartigen, dann akkordischen Abschnitt mit Halbschluss, um zusammen mit dem unmittelbar anschließenden Chor einen größeren Komplex zu bilden.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter

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