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Nr.21 Und Gott sprach: Es bringe die Erde hervor  |  Nr.22 Gleich öffnet sich der Erde Schoss  |  Nr.23 Nun scheint in vollem Glanze der Himmel
Nr.24 Und Gott schuf den Menschen  |  Nr.25 Mit Würd' und Hoheit angethan  |  Nr.26 Und Gott sah jedes Ding
Nr.27 Vollendet ist das große Werk (I)  |  Nr.28 Zu dir, o Herr, blickt alles auf  |  Nr.29 Vollendet ist das große Werk (II)
sujet Tag 6
Nr. 22
RAPHAEL (BASS): REZITATIV MIT BEGLEITUNG
Gleich öffnet sich der Erde Schoß,
Und sie gebiert auf Gottes Wort
Geschöpfe jeder Art,
In vollem Wuchs’ und ohne Zahl.
Vor Freude brüllend steht der Löwe da.
Hier schießt der gelenkige Tyger empor.
Das zackig Haupt erhebt der schnelle Hirsch.
Mit fliegender Mähne springt und wieh’rt,
Voll Muth und Kraft, das edle Roß.
Auf grünen Matten weidet schon
Das Rind, in Heerden abgetheilt.
Die Triften deckt, als wie gesä’t,
Das wollenreiche, sanfte Schaf.
Wie Staub verbreitet sich
In Schwarm und Wirbel das Heer der Insekte.
In langen Zügen kriecht
Am Boden das Gewürm.

Nr. 22
RAPHAEL (BASS): REZITATIV MIT BEGLEITUNG
Gleich öffnet sich der Erde Schoß

Besetzung:
B; Fl, 2 Fg, Kfg, Pos 1, 2, (3), Str – B-Dur ... D-Dur
Presto, ab T. 19: Presto 6/8, ab T. 40: Andante 6/8, ab T. 58: Adagio

So mancher nannte dieses das »zoologische« Rezitativ. Es beginnt mit einem nach dem hellen A-Dur von Nr. 19–20, das in dem kurzen Rezitativ Nr. 21 nach D-Dur zurückgeführt worden ist, derb und irdisch klingenden B-Dur. Mit raschem Aufstieg auf einer Tonleiter und in Akkorden »öffnet sich der Erde Schoß«. Die aufsteigende Bewegungsrichtung wird auch bei der nachfolgenden Schilderung des Löwen, des Tigers und des Hirsches beibehalten, während die Tonarten im Quintenzirkel über Es-Dur, As-Dur nach Des-Dur hinabsteigen, als kämen die Tiere aus immer größeren Tiefen hervor. Dann folgt wieder A-Dur (als überraschend eintretende Untermediante von Des-Dur = Cis-Dur) und – nach h-Moll – zum Schluss D-Dur, die Tonart der nachfolgenden Arie. Haydn setzt stärkere Mittel ein: Ein tiefes As erklingt dissonant und ff in den Posaunen, den Fagotten und im Kontrafagott (T. 8–9); dazu kommt ein Triller auf dem tiefsten As in den Streichern. Die Wirkung ist erschreckend, wenn die Violinen im Takt vorher, der Originalpartitur entsprechend, p und nicht f spielen, wie es in einigen Nachdrucken verschlimmbessert wurde. Das zweite »Brüllen« auf Des (T. 12) macht eine bedrohliche Abwärtswendung zum Tritonus G und moduliert gleichzeitig zu dem As-Dur des Tigers, dessen Hervorschießen im Orchester durch kurze Tiraden, in der Singstimme durch anapästischen Rhythmus charakterisiert wird. Den schnellen Hirsch malt ein Presto im 6/8-Takt mit ungestümem Rhythmus, während das Ross im unverändert stürmischen Takt und Tempo, aber in regelmäßigen Perioden »springt«, in den schnellen Doppelschlägen in T. 28, 30 und 32 »wieh’rt« (oder die Mähne schüttelt?) und in den Akkordschlägen in T. 35–39 stampft. Beim Erscheinen der Rinderherden lässt Haydn in einem Andante im 6/8-Takt »auf der Flöte ein idyllisches Hirtenlied blasen«. Da das rein musikalische Geschehen dominiert, ist die pastorale Flötenmelodie mitsamt der Begleitung durch die pizzicato spielenden Streicher bei den Schafen gleich, nur dass sie zwei Oktaven tiefer durch das Solofagott verdoppelt wird, womit vielleicht das Blöken diskret angedeutet werden soll. Für englische Sänger ist bei der Fermate auf »bleating flock« (blökende Herde – im deutschen Text: »sanfte Schaf«) die Versuchung groß, einen meckernden »Bockstriller« anzubringen, wie man ihn in der Aufnahme unter Leitung von Christopher Hogwood (1990) hört. Den Insektenschwarm malt ein gleichzeitig mit der Singstimme erklingendes tiefes Tremolo der Streicher. Dann künden Adagio-Takte der Streicher, mit dem Violoncello in tiefster Lage (unisono mit dem Kontrabass), das am Boden kriechende Gewürm an. Dafür hat Haydn sich das tiefe Register des Bassisten aufgespart. Manche Sänger verstärken den Effekt, indem sie den letzten Ton, auf »Gewürm«, eine Oktave tiefer singen, wenn ihnen das tiefe D zu Gebote steht.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter


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