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Nr.21 Und Gott sprach: Es bringe die Erde hervor  |  Nr.22 Gleich öffnet sich der Erde Schoss  |  Nr.23 Nun scheint in vollem Glanze der Himmel
Nr.24 Und Gott schuf den Menschen  |  Nr.25 Mit Würd' und Hoheit angethan  |  Nr.26 Und Gott sah jedes Ding
Nr.27 Vollendet ist das große Werk (I)  |  Nr.28 Zu dir, o Herr, blickt alles auf  |  Nr.29 Vollendet ist das große Werk (II)
sujet Tag 6
Nr. 23
RAPHAEL (BASS): ARIE
Nun scheint in vollem Glanze der Himmel;
Nun prangt in ihrem Schmucke die Erde.
Die Luft erfüllt das leichte Gefieder;
Die Wässer schwellt der Fische Gewimmel;
Den Boden drückt der Thiere Last.
Doch war noch alles nicht vollbracht.
Dem Ganzen fehlte das Geschöpf,
Das Gottes Werke dankbar seh’n,
Des Herren Güte preisen soll.

Nr. 23
RAPHAEL (BASS): ARIE
Nun scheint in vollem Glanze der Himmel

Besetzung:
B; 2 Fl, 2 Ob, 2 Fg, Kfg, 2 Hrn, 2 Tr, (Pos 3), Pk, Str – D-Dur
(Allegro) maestoso _

Nach dem 6/8-Takt der lange zurückliegenden Arie Nr. 9 und der kurzen Abschnitte in dem Rezitativ Nr. 22 ist die Arie Nr. 23 das erste Stück im Dreiertakt. Der in Nr. 16 zuerst vorgesehene, dann vermiedene 3/4-Takt wirkt hier unverbraucht und gibt dem musikalischen Verlauf frischen Schwung. Das spüren wir bereits in dem das Gesangsthema exponierenden Eingangsritornell, das auch nach dem Vortrag der ersten und zweiten Zeile in Ausschnitten wieder anklingt (in T. 14–16 und 21–26). Das Gesangsthema leitet sich von den Worten des Textes her: Der Vordersatz, der vom »Himmel« redet, steigt in der Tonika auf und wird beim Vortrag durch den Sänger von der Trompete begleitet; der Nachsatz, der von der »Erde« spricht, steigt in der Dominante ab und wird dann vom Horn begleitet. Die musikalische Darstellung der in den folgenden Zeilen erwähnten Vögel und Fische bleibt auf Andeutungen beschränkt. Umso mehr fallen bei den Worten »den Boden drückt der Tiere Last« die »vereinzelten Urtöne« des Kontrafagotts auf, die, wie Kretzschmar anmerkt, von Kennern »mit fröhlicher Spannung« erwartet werden. Haydn hatte sich einen ähnlichen Scherz 1791 im langsamen Satz der Londoner Sinfonie Nr. 93 mit einem unbegleiteten, an einem strukturell wichtigen Punkt ff gespielten tiefen C der beiden Fagotte erlaubt. Jetzt erklingt der ff gespielte »Urton« zweimal an wichtigen Stellen einer Modulation von D-Dur nach F-Dur: beim ersten Mal (T. 40) auf dem Wort »Last« als Sub-Kontra-B (bzw. Kontra-B in den Fagotten und der 3. Posaune) – das ist in Haydns Orchester der tiefstmögliche Ton – und beim zweiten Mal (T. 44) als C (bzw. c) auf dem Wort »Tie-re«. Diese Abweichung in der Akzentuierung verwundert einen der Kommentatoren, ist aber ebenfalls sinnvoll und soll offenbar eine allzu genaue Parallele vermeiden. Allerdings hat Haydn geschwankt: Es ist eine autographe Kontrafagottstimme überliefert, in welcher der Ton beim zweiten Mal nicht auf »Tie-re«, sondern wieder auf »Last« (T. 45) erklingt, als Kontra-F. Danach erscheint ein nur für Streicher gesetztes, von F-Dur nach d-Moll modulierendes neues Ritornell (T. 45–50), das abgewandelt und von den Bläsern mitgespielt im zweiten Teil der Arie (T. 59–103) in D-Dur wieder anklingt (T. 82–84) und in dieser Abwandlung und Tonart auch den Schluss bildet (T. 103–109). Zu Beginn des zweiten Teils (T. 59) greift Haydn das Anfangsthema zu den völlig anderen, einen Nebensatz bildenden Worten »das Gottes Werke dankbar seh’n« wieder auf (nicht ohne es in der Singstimme, den neuen Worten entsprechend, leicht abzuwandeln). Nach den vorangegangenen, den ersten Teil abschließenden Modulationen klingt dieses musikalisch souveräne Wiederaufgreifen fast wie der Reprisenbeginn in einem Sonatensatz.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter

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