1.TAG | 2.TAG | 3.TAG | 4.TAG | 5.TAG | 6.TAG | 7.TAG Adam und Eva
Nr.30 Aus Rosenwolken bricht  |  Nr.31 Von deiner Gut, o Herr und Gott  |  Nr.32 Nun ist die erste Pflicht erfüllt
Nr.33 Holde Gattin, dir zur Seite  |  Nr.34 O glücklich Paar, und glücklich immerfort  |  Nr.35 Singt dem Herren alle Stimmen!
sujet Tag 7
Teil III
12. Bild / 7. Tag

Nr. 30
URIEL (TENOR): REZITATIV MIT BEGLEITUNG
Aus Rosenwolken bricht,
Geweckt durch süssen Klang,
Der Morgen jung und schön.
Vom himmlischen Gewölbe
Ströhmt reine Harmonie
Zur Erde hinab.
Seht das beglückte Paar,
Wie Hand in Hand es geht!
Aus ihren Blicken strahlt
Des heissen Danks Gefühl.
Bald singt in lautem Ton
Ihr Mund des Schöpfers Lob.
Laßt uns’re Stimme dann
Sich mengen in ihr Lied!

TEIL III
7. Tag
Nach dem Bericht über das Schöpfungswerk fährt die Bibel fort: »Also ward vollendet Himmel und Erden mit ihrem ganzen Heer. Und also vollendet Gott am siebenten Tage seine Werk die er machet, und ruhete am siebenten Tage, von allen seinen Werken die er machet. Und segnete den siebenten Tag und heiliget ihn, darum, dass er an dem selben geruhet hatte von allen seinen Werken, die Gott schuf und machet. Also ist Himmel und Erden worden, da sie geschaffen sind« (Gen. II.1–4a). Demgegenüber handelt der dritte Teil der Schöpfung nicht von Gottes Ruhe und seiner Segnung des siebten Tages, sondern von Adam und Eva, wie sie Gott danken und glücklich sind. Dieser Teil fand anfangs vielfach die meiste Anerkennung.

12. Bild
Das zwölfte Bild umfasst den ersten und zweiten Auftritt des dritten Teils. Im ersten Auftritt schildert uns Uriel, wie Adam und Eva in der Morgenröte, einem weiteren Symbol des Anbruchs einer neuen Ära, Hand in Hand gehen, von natürlicher Frömmigkeit erfüllt. Das Textbuch spricht wohl absichtlich nicht vom biblischen Garten Eden, da dieser den Baum der Erkenntnis, die Schlange und den Sündenfall erwarten ließe, die ja in der Schöpfung nicht vorkommen. Man könnte ebenso gut an das goldene Zeitalter der antiken Mythologie, an das idyllische Arkadien der antiken und Renaissancedichtung und -kunst oder an den von Rousseau postulierten natürlichen Zustand des einfachen, unverdorbenen Menschen denken. Gemäß dem Textbuch sollen wir uns neben Uriel schweigende, von ihm angesprochene »Engel« vorstellen. Im folgenden Auftritt bringen Adam und Eva mit ihnen zusammen Gott ihr Morgenlob dar und fordern die ganze Schöpfung zum Lobgesang auf. Sie folgen darin Miltons Morning Hymn, die im 18. Jahrhundert schon mehrfach vertont worden war, letztlich aber dem Psalm148 und dem Lobgesang der drei Jünglinge im Feuerofen (Buch Daniel).

Nr. 30
URIEL (TENOR): REZITATIV MIT BEGLEITUNG
Aus Rosenwolken bricht

Besetzung:
T; 3 Solo-Fl, 2 Ob, 2 Fg, 2 Hrn, Str – E-Dur ... G-Dur
Largo _


Die Tonart E-Dur, die in Nr. 3 (T. 41ff.) und Nr. 19 (T. 36ff. und 63ff.) nur angeklungen war, wird hier zur Grundtonart. Der Tritonusabstand zu dem B-Dur von Nr. 29 ist der denkbar größte und dadurch gut geeignet, uns eine Empfindung zu geben von dem fernen Ursprung des »süssen Klangs«, den Swieten von Haydns Kunst forderte: »Hier könnte eine etwas längere Einleitung, welche den süssen Klang und die reine Harmonie ausdrückte[,] dem Rezitativ zur Vorbereitung dienen, und hernach daraus die Begleitung zu den sechs ersten Versen genommen werden. Auch scheint dass hierbey mehr auf Harmonie als auf Melodie zu sehen wäre, und diese wenigstens bloß schwebend oder gedehnt seyn müßte.« Haydn hat diese Empfehlung befolgt, allerdings die Melodie nicht der »Harmonie« untergeordnet, sondern zur Hauptsache gemacht und sie zwar durch das Largo-Tempo »gedehnt«, aber rhythmisch differenziert ausgestaltet. Das Schweben und die »reine Harmonie« erreicht er durch die Instrumentierung mit drei Solo-Flöten in hoher und enger Lage und erzeugt so ein »Stimmungsbild«, »das sich jedem Werk der frühen Romantik organisch einfügen würde«. Tonart, Lage und Modulation des Anfangs sind in Haydns Klaviersonate Nr. 17 vom Jahre 1767 an einer Stelle im Andante-Satz (Beispiel a) keimhaft vorgebildet und werden hier zu voller Schönheit entfaltet. Eine Partiturskizze enthält bis T. 13 die fast schon definitive Substanz, jedoch noch ohne den eröffnenden E-Dur-Akkord. Die Streicherbegleitung der Takte 2–7 (1. Viertel) entstand noch später; das geht aus Korrekturen in den frühesten Abschriften hervor. Ursprünglich spielten in diesen Takten die Flöten allein. Nach den ersten Aufführungen kam Haydn der Gedanke, den Zuhörern die Auffassung des dreistimmigen Flötensatzes zu erleichtern: In tiefer Lage werden die diesem Satz zugrunde liegenden Harmonieschritte p und pizzicato von Violinen und Streichbässen markiert. Bei der verkürzten Wiederholung in T. 30–33 des Rezitativs dürfen wir dann den ätherischen Flötenklang ohne die Stütze der Streicher hören. Im weiteren Verlauf des Rezitativs erklingt außer Streicherakkorden ein lyrisches, das »beglückte Paar« symbolisierendes Motiv, das als kleines zweistimmiges Zwischenspiel zuerst von den beiden Hörnern, dann, mit Unterstützung der Violinen, von den Fagotten und schließlich von den Oboen und Violinen vorgetragen wird. In der Skizze fehlten die lyrischen Zwischenspiele noch, und in der Singstimme gab es noch nicht die ausdrucksvollen Melismen auf »reine Harmonie« und »des heißen Danks Gefühl«.

Quelle: FEDER, Georg: Joseph Haydn Die Schöpfung (Kassel 1999), Verlag Bärenreiter

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